Die "Bella"
Kaum ein Name steht so sehr für Groitzsch wie die „Bella“ – über Jahrzehnte Arbeitgeberin für hunderte Familien und bis heute mit vielen persönlichen Erinnerungen verbunden.
Geschichte: Von Domhardt & Co. zum VEB
Die 1894 gegründete Schuhfabrik wurde 1921 mit einem modernen Neubau nahe dem Bahnhof zum größten Betrieb der Stadt. Nach der Weltwirtschaftskrise übernahm 1931 der Berliner Fabrikant Jean Herschthal die Produktion eleganter Damenschuhe. Als Jude wachsendem Druck der Nationalsozialisten ausgesetzt, musste er um 1935 Deutschland verlassen. 1936 übernahm Alfred Wetterau die Fabrik und führte sie unter dem Namen „Bella Luxusschuhe" fort.
Nach 1945 wurde der Betrieb enteignet und als Volkseigener Betrieb (VEB) weitergeführt; im Laufe der DDR-Zeit wurden ihm zahlreiche weitere Schuhfabriken der Region angegliedert. Nach der Wiedervereinigung geriet die „Bella" in wirtschaftliche Schwierigkeiten; trotz Streiks für den Erhalt der Arbeitsplätze wurde das Grundstück schließlich verkauft. Heute steht dort die Bella-Seniorenresidenz.
Produktion & Alltag
Vom Leder zum eleganten Damenschuh – in der „Bella" fand der komplette Herstellungsprozess statt: Modellierung, Zuschnitt und Stepperei. Viele Handgriffe wurden im Laufe der Jahre durch Maschinen erleichtert, doch die Qualität blieb abhängig vom Geschick der Arbeiterinnen und Arbeiter. Es wurde im Akkord gearbeitet, entlohnt nach Stückzahl. 1988 produzierten 1.700 Beschäftigte 1,8 Millionen Paar Schuhe – Pumps, Sandaletten, Stiefel sowie Kinder- und Freizeitschuhe.
Soziales Leben im Betrieb
Die „Bellarianer" schätzten die sozialen Einrichtungen ihres Betriebs: eine eigene Sanitätsstation, eine Verkaufsstelle für Waren des täglichen Bedarfs, und seit 1949 die Betriebssportgemeinschaft „Fortschritt" mit Sparten von Fußball bis Kegeln. Mehrere Ferienheime – etwa das „Lug ins Land" in der Sächsischen Schweiz – sowie Ferienlager für die Kinder der Belegschaft gehörten ebenso zum Betriebsleben wie die enge Verzahnung von Arbeit und sozialer Fürsorge, die in der DDR politisch gewollt war.
Messe Leipzig & internationale Erfolge
Zur Leipziger Frühjahrs- und Herbstmesse präsentierte der VEB Bella-Schuhfabrik ab 1947 stets die neuesten Kollektionen – ein Schaufenster auch in Richtung Westen. 1964 und 1977 gewann die „Bella" Goldmedaillen für besonders elegante Modelle, etwa einen Slingpumps mit feinem Dederongeflecht. Als offizieller Ausstatter der DDR-Olympiamannschaften 1964, 1968 und 1972 erreichte der Groitzscher Schuh internationale Bühnen.
Stadtmuseum Groitzsch
Gebäude "Alte Wache"
Albin-Jahn-Gasse 2
04539 Groitzsch
Öffnungszeiten
Sonnabend 10 bis 12 Uhr
oder nach Vereinbarung.
Führungen
für Gruppen und Schulklassen
nach Vereinbarung.
Kontaktpersonen
Dietmar Schäfer
Telefon: 034296 42867
E-Mail: dietmarschaefer@gmx.de
Stadtverwaltung Groitzsch
Sylvia Benndorf
Telefon: 034296 45136
E-Mail: sylvia.benndorf@groitzsch.de